Im Gespräch mit . . .

 

Christa Mergenthaler

Pionierin der Hospiz-Bewegung im Kreis Soest

 

„Ich habe unglaubliche Dinge an Menschlichkeit und Würde erlebt. Es war mein Leben."


   

 

 

Im Gespräch mit Christa Mergenthaler, einer Pionierin der Hospizarbeit im Kreis Soest

Christa Mergenthaler engagierte sich zeitlebens in der hospizlichen Begleitung von Menschen an ihrem Lebensende. Die Trägerin des Soester Bürgerpreises und Gründungsmitglied des Soester Vereins Hospizbewegung im Kreis Soest e.V. feierte in diesem Jahr ihren 90ten Geburtstag. Heute lebt sie in Lüdinghausen bei ihrem Sohn, verfolgt aber interessiert die Entwicklung ihres Herzens-Projektes, dem Bau des stationären Hospizes für den Kreis Soest.

 

Frau Mergenthaler, Sie haben Ende der 1970er Jahre damit begonnen, sterbende Menschen zu begleiten. Wie sind Sie dazu gekommen?

Mein Elternhaus hat mich schon für soziale Probleme geschärft. Mein Vater war Leiter eines Waisenhauses in Werl, später lebten wir in Bethel. Ich war dort ganz nah mit den Kranken zusammen, das pflügt etwas in einem durch, ganz entscheidend. Wir hatten schon in der Kindheit Kontakt mit Sterben und Tod und haben gelernt, dass der Tod zum Leben gehört. Wir durften zum Beispiel, noch kleine Enkelkinder damals, die Hände des aufgebahrten toten Großvaters berühren und leise um den Sarg herum spielen... Ich habe aber auch das Leid der Angehörigen gesehen, als meine kleine Großmutter nach der Beerdigung sagte „Ach, lasst mich doch nicht alle so allein“. Das habe ich nie vergessen können. Als erwachsener Mensch verlor ich innerhalb eines Jahrzehnts meinen Vater, meine Mutter, meinen Mann und meine einzige Schwester. Sie alle durfte ich in ihrer Sterbezeit begleiten. Das war meine Vorbereitungszeit. Den Anstoß für die Sterbebegleitung gab aber ein Erlebnis am Sterbebett meines Mannes in einem Münsteraner Krankenhaus. Ich war drei Wochen lang Tag und Nacht an seinem Bett. In einem Zimmer am anderen Ende des Flures starb ein Professor an derselben Krankheit wie mein Mann. Nachts saß vor der Tür des Professors immer ein junger Mann. Auf Nachfrage erfuhr ich, dass die Familie den jungen Medizinstudenten für die Nachtwachen engagiert hatte, jedoch ertrug der das Stöhnen nicht. Der Gedanke, Dienste am Sterbenden freiwillig und ohne Bezahlung zu übernehmen, drängte sich mir nach dieser Erfahrung auf. Das war 1978, von einer „Hospizbewegung“ hatte ich noch nie gehört. Nachdem die letzten meiner Kinder das Haus verlassen hatten, stellte ich mich meiner selbstgewählten Aufgabe.

 

Welche Erlebnisse sind Ihnen besonders im Gedächtnis geblieben?

 

Als ich angefangen habe Begleitungen zu machen, gab es das Konzept des stationären Hospizes noch nicht. Ich war also meist in Krankenhäusern im Kreis Soest oder bei den Menschen zu Hause. Ich weiß noch heute, wie mein Herz geklopft hat, als ich das erste Krankenzimmer betreten habe. Ich hatte ja keinerlei Ausbildung, das gab es einfach noch nicht. Ich habe viele intensive Begleitungen gemacht, saß oft die ganze Nacht am Bett eines Sterbenden. Oft habe ich ganze Familien begleitet, zu einigen besteht noch heute Kontakt. Beispielsweise habe ich den ersten AIDS-Kranken im Kreis Soest begleitet. Er selbst war so voller Angst. Es war sehr bewegend, weil er noch so jung war. Ein Jahr später kam seine Mutter zu mir und wollte mit mir über meine Erlebnisse sprechen.

 

Woher nahmen Sie die Kraft für diese besondere Arbeit?

 

Ich habe immer sehr viel Liebe von den Angehörigen erfahren und das hat mich getragen. Auch das tiefe Wissen um die Geborgenheit in der Liebe Gottes. Eine andere Kraftquelle ist der Sterbende selbst – so unwahrscheinlich das auch klingen mag. Er stärkt mich durch sein Vorbild, durch sein Vertrauen zu mir, durch seine Dankbarkeit und Liebe, die mir entgegenströmen. Es war eine gesegnete Zeit meines Lebens. Ich habe in der Begleitung so unglaubliche Dinge an Menschlichkeit und Würde erlebt. Es war mein Leben.

 

Sie haben anlässlich Ihres 90ten Geburtstages für den Bau des stationären Hospiz für den Kreis Soest gesammelt. Das Projekt liegt Ihnen sehr am Herzen.

 

Ja! Als ich angefangen habe, hatte ich den Begriff „Hospiz“ noch nie gehört. Eine Nichte von mir war dann in England und hat mir von dem Hospiz von Cicely Saunders erzählt und davon, dass es dort eine richtige Hospiz-Bewegung gäbe. Ich habe mich aber nicht getraut, dort hin zu fahren, ich war ja noch nie im Ausland. Als dann eines der ersten Hospize in Stuttgart eröffnet hat, bin ich dort hin gefahren. Ich kam voller Begeisterung zurück mit der Idee, das auch in Soest auf die Beine zu stellen. Schließlich gründeten Gleichgesinnte wie Pfarrer Hans Sprenger (Thomägemeinde, Soest) Pfarrer Dietrich Woesthoff, Ursula Prehn und ich den Hospizverein in Soest mit dem Ziel ein stationäres Hospiz zu bauen. Der Verein engagiert sich ja nun seit zwanzig Jahren in der ambulanten Hospizbegleitung. Es freut mich sehr, dass das stationäre Hospiz für den Kreis Soest nun endlich entsteht, denn wir brauchen einen solchen Ort dringend. Vielen Dank für dieses berührende Gespräch. (Das Gespräch führte Nina Burkhardt am 25.9.2015)Christa Mergenthaler sitzt in ihrem Wohnzimmer und betrachtet interessiert das Modell des stationären Hospizes für den Kreis Soest. Die Trägerin des Soester Bürgerpreises gehörte zu den Allerersten, die im Kreis Soest sterbende Menschen begleitete. Später setzte sie sich auch für den Bau eines stationären Hospizes im Kreis Soest ein. Zu ihrem 90ten Geburtstag sammelte Christa Mergenthaler für "ihr" Hospiz. Nun sieht sie zum ersten Mal, wie das Projekt, für das sie sich selbst so viele Jahre eingesetzt hat, Gestalt annimmt. "Als ich angefangen habe, hatte ich den Begriff "Hospiz" noch nie gehört. Eine Nichte von mir war dann in England und hat mir von dem Hospiz von Cicely Saunders erzählt und davon, dass es dort eine richtige Hospiz-Bewegung gäbe. Ich habe mich aber nicht getraut hin zu fahren, ich war ja noch nie im Ausland. Als dann eines der ersten Hospize in Stuttgart eröffnete, bin ich dorthin gefahren. Ich kam voller Begeisterung zurück mit der Idee, das auch in Soest auf die Beine zu stellen", erzählt sie lachend. "Es freut mich sehr, dass dieses Haus endlich entsteht. Wir brauchen es dringend."

 

Vielen Dank für dieses berührende Gespräch.

(Das Gespräch führte Nina Burkhardt am 25.9.2015)

 

 

 

 

 

 

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